
VESPERKIRCHE
Mitten in der Kirche ist eine lange Tafel aufgebaut, geschmückt mit Tischdecken, Kerzen und Blumensträußen. Es duftet nach Suppe, Kaffee und Kuchen.
Menschen strömen herein. Manchen ist anzusehen, dass das Leben sie gebeutelt hat. Heute werden hier alle bedient. Miteinander essen, trinken, lachen.
Fünf Tage lang wird die Marktkirche in Hameln zum Begegnungsort, von vormittags bis abends ist etwas los. Konfirmand:innen backen Waffeln, Jugendlich bieten Popcorn und Zuckerwatte an. An den Seiten informieren die Diakonie, der Weiße Ring, die Wohnungslosenhilfe und andere Institutionen über ihre Arbeit. Die Barber Angels kommen, schneiden und frisieren die Haare, kostenlos. Zwischendrin Musik. Abends ein kleiner Gottesdienst:
Herzlich willkommen!
Und immer wieder gibt es neue Ideen. Eine bringt Marmeladen mit, selbstgemacht. Andere stellen Konserven dazu. Eine sammelt auf dem Wochenmarkt Spenden ein, fünfzehn Kilogramm Äpfel und Birnen: Zu verschenken!
Für mich zeigt die Vesperkirche, wie das sein könnte: Leben in Fülle. Menschen begegnen sich, essen, trinken, feiern. Es ist genug für alle da. Obendrauf das, was nicht mit Geld zu bezahlen ist: Gespräche und Lachen, verstehen und verstanden werden.
Die Vesperkirche hat nicht nur das Leben der Besucher:innen ein Stück reicher gemacht, sondern auch das der Ehrenamtlichen. Denn auch das, was ich gebe, erfüllt mein Leben mit Sinn. Beim Nachtreffen sind alle sich einig: Das machen wir im nächsten Jahr wieder.
Text: Tina Willms
Foto: Daniela Hillbricht
Jahreslosung 2026: Gott spricht: Siehe, ich mache alles neu! (Offenbarung 21,5)

ANDERS GESAGT: ZUKUNFT
Liebe Zukunft, von der ich nicht weiß, wie du aussiehst. Es gibt Zeiten, da kann ich kaum an
dich glauben. Manchmal erscheint es mir unwahrscheinlich, dass es dich gibt. Erst recht nicht
für eine Ewigkeit. Ich weiß nicht, ob du in das schauen kannst, was wir Gegenwart nennen.
Sollte es so sein, dann weißt du, dass die in der letzten Zeit eher entmutigend war. Ja,
vielleicht hast du sogar Angst um dich selber bekommen.
Ich jedenfalls gebe zu, dass ich zuweilen verzagt bin. Ich weiß nicht, ob ich in dich, liebe
Zukunft, Vertrauen setzen kann. Dabei kannst du ja gar nichts dafür.
Manchmal kann Vertrauen wohl nur ein „Trotzdem“ sein. Beharrlich mogelt es sich in mein
Verzagen. Und fängt einfach an, mit einem behutsamen „Ja“ zur Gegenwart. Da, wo sie nah
ist und klein und so schön. Dann höre ich plötzlich das Lied, das eine Nachbarin im
Treppenhaus summt. Und sehe im Fensterrahmen den Streifen aus Azur, der zwischen
Wolken über den Häusern schwebt. Jetzt ist heute und ich bin hier. Ein neuer Tag ist da und
nun beginnt ein neues Jahr. Ich nehme mir vor, dem „Trotzdem“ einen Raum zu geben in
meinen Gedanken. Als ob es ein Brachland sei, aus dem etwas werden könnte, wenn ich
beginne, es zu pflegen. Denn es könnte ja sein, liebe Zukunft, dass du Vertrauen in mich setzt.
Und ich dazu beitragen kann, dass es dich gibt.
Text: Tina Willms
Grafik: Wendt

