Trier – In einem festlichen Gottesdienst am Sonntag, 18. Januar 2026, in der Konstantin-Basilika wurde Pfarrer Matthias Ratz nach über elf Jahren Dienst in der Evangelischen Kirchengemeinde Trier verabschiedet. Ende Januar verlässt Ratz die Trierer Kirchengemeinde und wechselt in den Evangelischen Kirchenkreis Leverkusen. Zunächst stand aber seine Verabschiedung in Trier an – und die vollbesetzte Konstantin-Basilika zeigte, wie viele Menschen Abschied von Matthias Ratz nehmen wollten.
In seiner Predigt setzte sich Ratz mit dem für den Sonntag vorgesehenen Predigttext aus dem Buch des Propheten Jeremia auseinander, überschrieben mit dem Titel „Die Dürrekatastrophe“ – der, so Ratz, nicht unbedingt zu einem fröhlich-wehmütigen Abschiedsgottesdienst passe. Aber er wolle sich nicht drücken, und letztlich ginge es in dem Text eben auch genau darum – sich nicht zu drücken vor dem Unangenehmen, sich der eigenen Schuld zu stellen und Konsequenzen für das eigene Handeln zu ziehen. Denn Jeremia melde sich hier aus einer wirklich verzweifelten Lage mit ganz realer Schuld und Not. Und „damit passt er in unsere Zeit. Und dann müssen wir vielleicht auch einfach einmal das Leid und die Ungerechtigkeit aushalten und nicht gleich mit dem „Gott hat dich lieb“-Besen allen Dreck unter den Teppich kehren“, betonte Ratz. Der biblische Predigttext beschreibe anschaulich die damals herrschende Dürre, den Wassermangel, der Mensch und Tier in lebensbedrohliche Not brachte. Dies wecke Assoziationen zur heutigen Zeit, erinnere beispielsweise an Bilder aus der Sahelzone, aus dem Sudan wie auch dem komplett zerstörten Gaza, beschrieb Ratz es eindrücklich.
Auf den eigenen Anteil schauen
Jeremia klage, eigentlich klage Gott selbst durch die Stimme des Propheten – und er benenne die Realität der Schuld. Der Zustand in dem sich Jerusalem und Juda befinden, sei kein Zufall, kein Pech, so Ratz, sondern das Volk sei selbst schuld daran: „Nur ganz langsam setzt sich die Erkenntnis bei den Menschen durch: Es könnte sein, dass wir selbst das Problem sind.“ Denn nicht Gott habe die Ukraine überfallen, nicht Gott wolle sich Grönland einverleiben. Nicht Gott schlage das eigene protestierende Volk nieder oder verbreite Lügen auf Social Media. „Das machen Menschen. Wir sind schuld, fragen dann aber Gott: Warum tust du nichts?“ Dabei sei klar, dass einige wenige viel Schuld auf sich laden und die Mehrheit der Menschen selbst darunter leide. „Und doch bringt Jeremia uns dazu, auch auf unseren eigenen Anteil zu schauen.“
Nur eine grundlegende Veränderung hilft
Wie bei menschlichen Beziehungen gäbe es einen Punkt, wo ein Partner nicht mehr könne, beschrieb es Ratz in seiner Predigt. „Gott hat alles versucht. Vergeblich hat er sich bemüht, sein Volk auf den rechten Weg zu führen.“ Jetzt könne nur noch eine grundlegende Veränderung helfen, jetzt müsse es durch eine Phase der Distanzierung und Entfremdung gehen. Es bliebe „uns als Lesenden nichts anderes übrig, als in Resonanz zu gehen mit dem Faktum: Diese Welt ist ungerecht.“ Jeremia unterstreiche dabei die Ernsthaftigkeit der Umkehr – es gäbe Situationen, da sei es mit einer lapidaren Entschuldigung nicht getan, da müsse mehr geschehen, um Vertrauen wieder herzustellen und Vergebung zu ermöglichen. „Gott nimmt uns nicht einfach die Konsequenzen unseres Tuns und Handelns ab. Das wäre ein falsches Verständnis von Gnade und Vergebung.“
Wir tragen deinen Namen
Spannend, und am Ende dann doch hoffnungsvoll sei, so Ratz, dass Jeremia nicht aufgebe. Er bleibe Gott treu, auch wenn es sein Volk nicht ist. Für ihn führe die ganze Erfahrung nicht etwa dazu zu sagen: Es gibt keinen Gott. Auch füge er sich nicht einfach in sein Leid, „sondern er beharrt darauf, es mit Gott auszuhandeln“. Und Jeremia erinnere Gott: „Du bist doch mitten unter uns, Herr, und wir tragen deinen Namen.“ „Herr, wir tragen deinen Namen. Das ist mir dann doch die frohe Botschaft hier im Text“, betonte Ratz. So wie Martin Luther in Momenten des Zweifels ausgerufen habe „Ich bin getauft“, sei es doch genau so: „Ich bin getauft. Ich trage Gottes Namen. Selbst wenn man an Gott verzagt und verzweifelt, bleibt er der Ort der Anbetung. Der Ort der Klage. Derjenige, der bleibt. Der Grund, auf dem wir stehen.“
Diese Überzeugung habe auch ihn selbst immer wieder gehalten in schweren Zeiten, in Zeiten des Zweifels: „Irgendwann stellte ich immer wieder fest: Ich mache diese Fragen noch mit Gott aus. Und kann dann in der Rückschau erkennen: wenn ich Gott selbst gefragt habe, ob es ihn überhaupt gibt, dann hat er mich eben auch in diesem Moment nicht losgelassen“, brachte es Ratz auf den Punkt.
Beziehungswesen und echtes Gegenüber
Gott sei eben kein feststehendes Schicksal, das die Menschen ereile. Sondern Gott sei, so Ratz, Beziehungswesen und ein echtes Gegenüber: „Der auch mal zornig wird. Der Schuld nicht einfach wegpustet. Der aber auch aus dem Böstesten Gutes entstehen lassen kann und will“. Dafür brauche er die Menschen, ihr Vertrauen und ihre Hoffnung auf ihn, denn er wolle, dass die Menschen ihm im aufrichtigen Gebet begegnen und mit verantwortlichen Taten ihren Beitrag leisten.
„Denn es bleibt bei aller Realität der Schuld und der Ungerechtigkeit, mit der uns Jeremia heute konfrontiert hat: Von Gottes Fülle nehmen wir Gnade um Gnade. Nur aus der Gnade Gottes leben wir. Durch Gottes Gnade bin ich, wer ich bin. Manchmal braucht es dafür eine Zeit der Distanzierung. Manchmal braucht es ein Klagen und ein Ringen. Keinesfalls sind wir Menschen aus der Verantwortung für uns selbst, diese Welt und für unsere Gottesbeziehung entbunden. Aber ich bin mir sicher: Gott lässt sich irgendwann erbarmen und schenkt uns Gnade“, fasste Ratz abschließend die dann doch gute Botschaft auch dieses Textes noch einmal eindrücklich zusammen.
Den stimmungsvollen und bewegenden Gottesdienst gestalteten Matthias Ratz, Anna Ratz, Pfarrer Thomas Luxa, Martin Schulte, Mitarbeiter im Gemeinsamen Pastoralen Amt, sowie Kirchenmusikdirektor Martin Bambauer an der Eule-Orgel.
Frischer Wind für die Trierer Gemeinde – Empfang im Caspar-Olevian-Saal
Auch beim anschließenden Empfang kamen zahlreiche Gäste zusammen, um Matthias Ratz persönlich zu verabschieden. Und ließen es sich nicht nehmen, Grußworte an Ratz zu richten und ihm für seine Trierer Zeit zu danken:
„Du hast viel frischen Wind mitgebracht“, erinnerte zunächst Martin Schulte an die Anfänge Ratz 2014 in der Kirchengemeinde Trier. Ob mit frischer, nicht pastoral wirkender Sprache in seinen Gottesdiensten, einigen Tanzschritten vor dem Altar oder durch neue Ideen und Projekte, wie die „Renovierung“ der Webseite der Kirchengemeinde, den YouTube- und Instagram-Kanal der Gemeinde, neu aufgelegten Veranstaltungsformaten wie „Kirche kunterbunt“ oder der „KiKi“, der Kinderkirche, oder dem aktualisierten Gemeindebrief mit seinen Themenschwerpunkten. Auch in die Jugend- und Konfirmandenarbeit und in die vielen großen und kleinen Aufgaben im Pfarrdienst habe er sich „richtig reingekniet“, betonte Schulte, und „Du hast dabei Deine vielen Talente eingebracht: Deine fröhliche Grundhaltung, Deine Offenheit, Deine Musikalität und Deine einladende Glaubensüberzeugung, mit der Du immer Raum für Fragen, Nachdenken und Zweifel gelassen hast.“
Neuen Zugang zu Gott eröffnet
Aber auch bei den weniger öffentlichen Dingen habe Matthias Ratz sich zupackend, zuverlässig und zugänglich eingebracht – sei es in zahlreichen Gremiensitzungen, mit klarer Position und Haltung, bei Verwaltungsaufgaben oder als Vorsitzender und stellvertretender Vorsitzender des Presbyteriums, ebenso wie auch bei Taufen und Beerdigungen, bei den Trauerfeiern für Sternenkinder in St. Matthias, oder in der Notfallseelsorge. „So, wie Du den Menschen da begegnet bist, hast Du für viele einen neuen Zugang zu Gott eröffnet“, betonte Schulte. Die Zusammenarbeit mit Ratz sei immer kreativ und erfrischend unkompliziert gewesen: „Mit Deiner Arbeit hast Du die Kirchengemeinde Trier bereichert und beschenkt“, dankte Schulte Matthias Ratz auch im Namen des gesamten Presbyteriums der Kirchengemeinde Trier.
Assessor Pfarrer Thomas Luxa dankte Ratz für seinen Dienst in Kirchengemeinde und Kirchenkreis auch im Namen des Kirchenkreises und überbrachte Grüße von Superintendent Dr. Jörg Weber, der aufgrund der zeitgleich tagenden Landessynode nicht an der Verabschiedung teilnehmen konnte. Luxa erinnerte an die gemeinsamen Zeiten und Projekte, insbesondere an Ratz Arbeit mit Kindern, Jugendlichen und Familien und betonte: „Du hast ihnen Kirche und Glaube nicht erklärt, sondern erlebbar gemacht. Du hast Räume geschaffen, in denen gelacht, gefragt, gezweifelt, gebetet und gefeiert werden durfte.“ Ratz habe zudem der Trierer Gemeinde ein Gesicht gegeben: Im Gemeindebrief, in der Öffentlichkeitsarbeit, in den sozialen Medien. „Du hast gezeigt, dass Kirche kommunizieren kann, ohne sich zu verbiegen – klar, offen, zugewandt“, so Luxa. Ratz und ihn hätte vor allem die Konfirmandenarbeit verbunden, die Konfi-Dienstage im DBH und vor allem die Freizeiten blieben ihm in bester Erinnerung – nicht zu Letzt dank intensiver Gespräche, langer Nächte, tiefer Weisheiten der Konfis – Digga, wo ist Gott? – wie auch sehr viel Lachen und Fröhlichkeit: „Kirche, wie sie sein darf: lebendig, fröhlich und glaubwürdig.“
Hier stehe ich. Ich kann nicht anders
Ratz wurde am Reformationstag 2014 ordiniert und im Reformationsjubiläumsjahr 2017 in seine erste Pfarrstelle eingeführt – der Reformationstag wie auch Luthers Wort „Hier stehe ich. Ich kann nicht anders“ spielten in der Dienstzeit von Matthias Ratz immer wieder eine wichtige Rolle. Und so habe Ratz in den vergangenen Trierer Jahren auch seinen Standpunkt gefunden: „Glaube zeigt sich nicht nur im Inneren, sondern im Standpunkt. Im Dastehen. Im Nicht-Ausweichen. So habe ich Dich immer erlebt, vom ersten Tag an: In Gesprächen, auf der Kanzel, auf den Konfifreizeiten, in Deinem Dienst. Dafür habe Dank“, so Luxa.
Zum Abschied hatte er dann passend dazu wie auch zu einer gemeinsamen, außerberuflichen Leidenschaft noch ein ganz besonderes Geschenk dabei – einen 1. FC Köln Schal mit dem Aufdruck „Mer stonn zo dir“, der Hymne des Kölner Fußballclubs. Damit „Du auch in den Vororten im Kölner Norden sagen können wirst: Hier stehe ich. Ich kann nicht anders. Mein Herz schlägt rot-weiß“, erläuterte Luxa mit einem Augenzwinkern.
Ökumene als Bereicherung & Einsatz für die Notfallseelsorge
Thomas Kupczik vom pastoralen Raum Trier dankte Matthias Ratz für die gute, unkomplizierte ökumenische Zusammenarbeit in den vergangenen Jahren, besonders auch im Rahmen der Ökumenischen langen Nacht der Kirchen in Trier, wie auch in der an vielen Stellen dazugehörigen Öffentlichkeitsarbeit. „Ökumene ist für Dich Bereicherung, das ist deutlich geworden“, betonte Kupczik.
Und auch Daniela Standard dankte Matthias Ratz und seiner Familie im Namen der Ökumenischen Notfallseelsorge Trier-Saarburg für seinen Dienst in der Notfallseelsorge: „Du bist immer von ganzem Herzen dabei gewesen!“, so Standard, und dabei so sprachgewaltig gewesen: „Herzlichen Dank für Deine Worte und Deinen Einsatz für uns“, so Standard.
Ratz selbst dankte abschließend allen Gästen und es wurde deutlich, dass ihm der Abschied aus Trier nicht leicht fällt: „Es waren elf schöne Jahre in Trier.“
Zur Person: Pfarrer Matthias Ratz
Nach dem Theologiestudium in Wuppertal, Heidelberg und Münster absolvierte Matthias Ratz, Jahrgang 1983, zunächst ein sogenanntes Sondervikariat bei der United Church of Christ (UCC) in Amerika, anschließend folgte das Vikariat, die praktische Ausbildungsphase nach dem 1. Theologischen Examen, in der Kirchengemeinde Langenfeld im Evangelischen Kirchenkreis Leverkusen. Zum Probedienst führte Ratz sein Weg dann 2014 in die Evangelische Kirchengemeinde Trier, wo er anschließend 2016 in die 4. Pfarrstelle der Kirchengemeinde gewählt wurde. Schwerpunkte seiner Arbeit in Trier waren Jugend- und Öffentlichkeitsarbeit. Seit 2017 war Matthias Ratz zudem als Notfallseelsorger in der Ökumenischen Notfallseelsorge Trier-Saarburg tätig.
Zum 1. Februar 2026 übernimmt Ratz eine Pfarrstelle im Kirchenkreis Leverkusen. Die dortigen Kirchengemeinden Witzhelden, Burscheid, Bergisch Neukirchen und Leichlingen haben sich im April 2025 zu einer so genannten pfarramtlichen Verbindung zusammengeschlossen und sind nun als „Bergische Vier“ auf einem gemeinsamen Weg. Ratz übernimmt eine Pfarrstelle der gesamten Region, schwerpunktmäßig je zur Hälfte in Bergisch Neukirchen und Leichlingen.

